Schreibsalon ... ... Oma-Geschichten

 

 

Vorwort und Erklärung

 

Im August fand an vier Abenden in der Bücherstube in Lohberg der Schreibsalon „Oma-Geschichten“ statt. Frauen der Generation 55 plus – teils Großmütter, teils noch nicht, - brachten, Texte zum Thema „Großmutter“ zu Papier. Wir haben dieses Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet:

  • Ich bin selbst Großmutter, wie habe ich mich gefühlt, als ich erfuhr, dass ein Enkelkind unterwegs ist?
  • Wie hat das Enkelkind mein Leben verändert?
  • Ich bin nicht nur Großmutter, ich habe auch eine Großmutter. Welche Erinnerungen habe ich an sie? Hat sie mich in irgendeiner Weise beeinflusst? Was würde ich ihr heute sagen wollen, Gutes tun wollen?
  • Ich betrachte ein Bild meiner Großmutter, welche Gedanken kommen mir dabei?
  • Der Bereich „Kindermund!“ durfte natürlich nicht fehlen!

Alle Beteiligten stellten fest, dass man mit wenigen Worten ganz viel ausdrücken kann: Elfchen und Haiku sind entstanden. Schauen Sie selbst, und vielleicht bekommen Sie ja auch Lust, von sich, Ihren Enkelkindern oder Ihrer Großmutter etwas aufzuschreiben. Viel Freude beim Lesen wünscht Ihnen

 

Karin Budahn-Diallo, Gleichstellungsbeauftragte und Jutta Ulrich, Moderatorin des Schreibsalon


 

Kaffeetüten

Ja, meine Oma lebte in Hamborn auf der Lehrerstrasse. In ihrer Wohnung stand ein alter Küchenschrank,und wenn sie ihn öffnete, sah ich unzählige leere Kaffeetüten. Ich konnte damals als kleines Mädchen nicht verstehen, warum sie sie aufhob. Aber wenn man als Frau 1882 geboren wurde und zwei Weltkriege mitgemacht hat, eine Familie mit vier Kindern versorgte, sich um das eigene Haushaltwarengeschäft kümmern musste und noch dazu die Gartenarbeit hatte, dann prägten diese Entbehrungen einen Menschen. Nichts verkommen lassen, nichts wegwerfen.
„Oh weh!“ Ich hatte die Käserinde zu dick abgeschnitten, mich nicht intensiv genug mit dem Unkrautjäten befasst und war auch sonst zu bequem!
Ihre Härte, ihre Geradlinigkeit und keine Nachsicht mit sich haben, so ist meine Großmutter in meinem Gedächtnis.
Aber wie ist es ihr als dem kleinen Mädchen ergangen?
Vielleicht hatte sie eine Puppe und vielleicht noch einen Ball zum Spielen. Auf jeden Fall waren sie zu dritt. In welchem Überfluss und Überangebot leben die Kinder heute. Ich wuchs in der Nachkriegszeit auf und hatte Christel, eine große Schildkrötpuppe, und sie war gleichzeitig meine beste Freundin.
 

© Christiane Demtröder-Rählmann


 

Meine Großmutter hieß Tante Lene.

Sie war die zweite Frau meines Opas.
Wenn ich an sie denke, dann sehe ich eine kleine, kugelrunde Frau mit kurzen, grauen, krausen Haaren vor mir. Sie arbeitete unentwegt in der Küche und wieselte dort herum. Dabei bewegten sich ihre Lippen immerzu.
Tante Lene, das bedeutet für mich:
 

Goldbraunes Hähnchen, ein Duft, der sofort das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt,
         Kopfsalat mit Sahne und Zitrone und ganz viel Zucker,
         Kartoffeln zum Aufstippen der Bratensoße,
und:   eine rosé Kristallschüssel auf 3 Beinen mit Wackelpuddingwürfeln in grün + rot.
Diese Würfel wackelten auf dem Löffel, und es war ein Riesenspaß, sie heil auf den Teller zu bekommen. Dann, welches Kinderglück, goss ich mir aus einem Kristallglaskännchen dicke, goldgelbe Kondensmilch, vermischt mit Vanillezucker, darüber. Dieser Duft, meine Nase versank in diesem rot-grünen Glibberberg. Nie mehr habe ich so lecker gegessen!
Deshalb gibt es bei mir an meinem „Mädelsabend“ zu meinem 60. Wackelpudding - aus Sentimentalität!
Wenn ich meine Großmütter vergleiche, dann waren sie sehr unterschiedlich. Gemeinsam war ihnen ihre Liebe zu ihren Männern. Beide haben sich nicht verwirklicht, sondern sich aufgeopfert. Die eine hatte eine große Familie. Die andere nur einen Mann und keine Kinder.
Mein Traum von einer Großmutter wäre Astrid Lindgren. Eine liebevolle, unternehmungslustige, blitzgescheite Frau mit Fantasie. Aber sie lebte auch zu anderen Zeiten. Vielleicht kann ich für meine Enkelkinder so eine Großmutter sein oder werden. Warum sagt man eigentlich Großmutter, ist sie denn wirklich „größer“ als die eigene Mutter? Oder heißt sie so, weil sie ein so großes Herz hat? Mehr Zeit, mehr Verständnis, mehr Geduld, mehr Rücksichtnahme? Gibt es Großmütter, die noch so fit sind, dass sie mit ihren Enkeln noch den Wald erkunden können? Sie haben oft mehr Zeit und können so wundervoll erzählen und erklären.
Aber eine Reise habe ich mit meiner nie gemacht, nur eine Straßenbahnfahrt von Dinslaken nach Hamborn.
 

© Christiane Demtröder-Rählmann


 

Hurra, Großeltern

Die große, unerwartete Überraschung, wir werden zum ersten Mal Großeltern. Mein Herz macht vor Freude einen Sprung.
All die Erinnerungen sind mit einem Schlag wieder da. Die Freude, beim Heranwachsen dabei zu sein und dieses Mal Zeit zu haben, alle Fortschritte miterleben zu können.
Gelassen beim Laufenlernen zu bleiben und auch noch den zehnten Turm zu bauen. Nicht zum Kindergarten zu hetzen, sondern Hand in Hand zu gehen und auf dem Friedhof alle Wasserstellen auszuprobieren.
Zauberäpfel zu schneiden und immer wieder Ritter und Prinzessin zu spielen. Nachsicht zu haben, liebevoll zu erklären und kaputte Knie zu versorgen mit Salbe und Heilsprüchen.
Ich gehe in den Keller und suche die alten Kinder- und Babysachen heraus. Es riecht etwas komisch, als ich die Nase ind die Tüte stecke. Was soll ich davon waschen?
Erinnerungen kommen hoch, wann trug mein Sohn die Lederhose, und wie alt war meine Tochter, als sie das gesmokte Kleidchen aus Mallorca bekam? Auch die Jüngste hatte süße Babysachen, sie ist 12 Jahre jünger und hatte schon modernere Kleidung, manche Teile lassen sich heute noch gut tragen.
Die Lederschühchen sind abgeschabt, an der Seite sind kleine Herzchen eingestochen als Muster und der Innenrand ist pink. Wie oft musste sie aufstehen und wieder hinfallen, bis es klappte mit dem Gehen. Jetzt zieht sie bald aus, sie ist 25 Jahre und geht nun schon viele Jahre allein durchs Leben.
Noch wohnt sie zu Hause, aber nächstes Jahr gibt es kein Entrinnen, dann ist auch die Letzte aus dem Haus. Und dann wird ruhig und leer sein bei uns. Ach nein, die Enkelkinder sind ja noch da, aber ihr Zimmer steht trotzdem leer, ein komisches Gefühl, wenn keine Freunde mehr vorbeikommen und keine Schuhe mehr den Flur bevölkern.
Nun haben wir drei Enkelsöhne und unser Alltag ist bunt. Es gibt Großelternnachmittage in der Kita und kein Weg ist zu weit, um die Kleinen abzuholen.
Wenn sich die Ärmchen um meinen Hals schmiegen und man ins Kinderzimmer gezogen und die Tür geschlossen wird, damit die Enkel ihre Oma ganz für sich haben, dann bin ich einfach glücklich.
 

© Christiane Demtröder-Rählmann


 

Ich werde

Mein Handy – schon wieder eine SMS!
Dieses Piepen macht mich heute verrückt.
Selten bekomme ich so viele SMS wie heute. Dabei ist es nur ein blödes Wortgeplänkel zwischen meinen Mädchen und ihren Partnern.
Soll ich nachsehen?
Ich schwanke zwischen Neugier und Ignoranz.
Was siegt? Natürlich – die Neugierde.
Vielleicht ist es ja ein schönes Foto von der süßen jungen Katze meiner Großen. Oder auch von den Katzen meiner Kleinen.
Oder… oder … Oder… Man kann ja nie wissen!
Ich drücke auf die Taste. Auf dem Display erscheint ein anderer Name, als die bisherigen.
Mein Neffe Björn. Schön wieder einmal etwas von ihm zu hören. Komisch – gerade heute habe ich öfter an ihn gedacht.
Björn ist seit einem Jahr verheiratet und manchmal überlege ich, wie es wäre, wenn er Papa werden würde.
Quatsch! Jetzt doch noch nicht. Beide sind doch noch so jung. Und beide machen eher noch den Eindruck von Disco - Gängern.
Ein weiterer Druck auf`s Handy und die SMS erscheint.
„Hallo Tantchen! Werde Papa! LG Björn.“
Ich starre auf den Text.  Schließe meine Augen, öffne sie wieder.
„Hallo Tantchen! Werde Papa! LG Björn.“
Der Text ist nach wie vor der Gleiche.
Für einen Moment scheint mein Herz still zustehen und damit auch die Welt.
Warum habe ich gerade heute öfter an ihn gedacht? Warum habe ich gerade heute überlegt, wie es wäre, wenn er Papa werden würde? Warum heute?
Seltsam! Wieso habe ich manchmal voraus Ahnungen? Das gibt´s doch nicht, oder? Oder doch? Wenn es mein Sohn wäre, dann – vielleicht? Aber beim Neffen?
Nun ja! Etwas ist ja auch von mir dabei. Seine Mutter ist ja schließlich meine Schwester. Und wir beide haben ja den gleichen Vater, die gleiche Mutter gehabt. Mama ist schon lange tot. Aber Papa ist erst vor zwei Jahren gestorben. Und nun?
Unsere Wurzeln treiben einen neuen Ableger - wenn auch etwas weit von mir entfernt.
Trotzdem!
Ich werde Großtante und meine kleine Schwester –
Sie wird - Oma!
 

© Christin Lodewick


 

Erinnerungen an meine Oma

Oma!.
Meine Oma! 
Wie war das mit ihr?
Meine Erinnerungen sind Bruchstücke oder sehr verschwommen. Viel zu unscheinbar war sie. Viel zu sehr mit sich beschäftigt. Viel zu sehr auf den Haushalt bedacht. Alles musste sauber sein. Die Nachbarn … niemand sollte sie und die Familie als dreckiges Flüchtlingspack bezeichnen können. Es musste still sein. Nur nicht auffallen. Man war ja nur …
Und dennoch: Sie hatte etwas.
Ihr schneeweißes silbriges, glänzendes Haar. Immer dieselbe Frisur - die Dauerwellen nach hinten gekämmt.
Ihre Zähne, die immer auf dem Nachtschränkchen in einem Glas mit Wasser lagen, wenn sie zu Bett ging.
Sie in ihrem Nachthemd aus Flanell bis unter das Kinn zugeknöpft. Weiß mit blauen Blümchen bedruckt.
Still und dennoch drohend: „Wartet wenn eure Mutter kimmt!“ Ihren Sudetendeutschen Dialekt hatte sie nie vollständig abgelegt oder auch ablegen können.
Wir! Meine Schwester und ich auf das Sofa verbannt. Die Hände hinter dem Rücken, den Kopf gesenkt. Ihr Zeigefinger drohend in die Luft gehoben wie die Hexe aus Hänsel und Gretel.
Oma – das war auch Kleckselkuchen mit Streusel.
Kleckselkuchen das war Kuchen auf dem Blech mit Mohn, Quark und Apfelmus oder Pflaumenmus und Streusel obendrauf. Das Beste war natürlich der Streusel. Hm! Wenn der Kuchen frisch aus der Backröhre kam, stibitzte ich mir oft ein paar Stücke herunter und dann entstand manchmal ein unansehnlicher Krater. Dann hieß es: „Hier waren wieder die Katzen am Werk!“
Oma – das ist auch die alte kleine dürre und zusammengefallene Frau mit den wässerigen grauen Augen und dem erstarrten Blick. Eine Frau, die am Ende ihres langen Lebens ihre Erinnerungen verloren und nur noch ihre eigene kleine Welt hatte.
Oma - die schließlich mit 97 Jahren starb.
 

© Christine Lodewick


 

Oma

Das dunkelblaue abgegriffene Fotoalbum sieht aus als sei es aus Fischhaut. Jede einzelne Schuppe ist zu sehen. Zwischen den Schuppen schimmert es fast schwarz.
Ich kenne dieses Album gut. Wie oft haben meine Schwester und ich darin geblättert, als wir noch klein waren.
Auf den schwarzen Seiten sind die alten Fotos geklebt. Schwarz - weiß. Nein, eher grau – beige mit hellem gezacktem Rand.
Manche sind klar. Andere sind etwas verschwommen. Steifer und dicker als heute Fotos sein würden.
Zwischen den Blättern eine Seite Seidenpapier mit einer Art Spinnenmuster. Beim Umblättern raschelte es immer. Vorsichtig blätterte man diese Seite um, damit kein Eselsohr entsteht.
Dieses dunkelblaue abgegriffene Fotoalbum halte ich nach langer Zeit mal wieder in der Hand. Jetzt, da Papas Wohnung aufgelöst wird.
Ich kann nicht anders. Ich setze mich auf das Bett und schlage es auf. Beginne zu blättern. Vorsichtig beim Seidenpapier. Nur mit den Fingerspitzen. Und das Rascheln lässt mich in die Vergangenheit gleiten.
Ein Bild liegt lose zwischen den Seiten. Es lag doch sonst immer in der alten goldenen ehemaligen Pralinenschachtel mit dem roten samtartigen Deckel.
Das Bild ist kein Foto eher eine Postkarte. Es ist Grau - Beige und zeigt meine Oma, die ich nie kennengelernt habe. Die Mutter meines Papas.

Oma, du bist auf dem Bild eine korpulente Frau und trägst einen dunklen Hut, der schief die rechte Seite deines Ohres halb verdeckt. Auf der linken Seite lugt das glatte streng nach hinten gekämmte Haar hervor und lässt das linke Ohr frei.
Gekleidet bist du mit einem dunklen Kostüm, das eher einem Herrenschnitt ähnelt. Unter der Jacke schaut eine schwarze Bluse hervor. Und um den Hals trägst du eine Kette, die mich an ein Medaillon erinnert.
Dunkel bestrumpfte Beine stecken in dunklen Schuhen mit Riemchen über dem Rist.
In der in hellen Lederhandschuhen steckenden rechten Hand hältst du ein Ledertäschchen. Was sich darin wohl befinden könnte? Ein Portemonee? Dein Ausweis? Ein Taschentuch? Ein Lippenstift? Nein, eher nicht. Du machst einen schlichten natürlichen Eindruck.
Du lehnst an einem Tisch, auf dem eine gehäkelte oder gestrickte weiße Tischdecke liegt. Als einziger Schmuck steht auf der Kante eine Vase mit einem Blumenstrauß, der den linken Arm von dir verdeckt.
Ich schaue in dein rundes, volles Gesicht. Deine knollige Nase fällt auf. Dagegen sind deine Augen eher schmal und klein und wirken warmherzig, gefühlvoll, traurig. So, als wollest du jeden Moment weinen. Der schmale verkniffene Mund möchte ein Lächeln zeigen. Aber er kann nicht - so kommt es mir vor. Und deine Statur wirft einen großen Schatten auf den dunkelgrauen Hintergrund.
Ob das eine Vorahnung ist? An den Krieg mit seinem Tod, der seine Schatten wirft?

Auf der Rückseite hast du in Sütterlinschrift geschrieben. Eine Schrift, die es heute nicht mehr gibt. Eine Schrift, die ich vor ganz langer Zeit noch gelernt habe, aber ich kann sie mehr erraten als lesen.
Das Bild ist an deinen Sohn Hans adressiert.
Feldpost. Ausrufezeichen und Unterstrichen.
Feldwebel Herrn Hans Kelch in Dresden - ...
Als nächstes sind Abkürzungen, dessen Bedeutung ich nicht kenne. Vielleicht die Kasernenbezeichnung? Die Einheit?
Du hast dein Bild als Postkarte am 15.8.1941 geschrieben.
Am 15.08. viele Jahre später, nämlich 1974 habe ich kirchlich geheiratet.  Warum kommt mir das gerade jetzt in den Sinn?
„Lieber Hans! Ich schicke dir ein Bild. Es gefällt mir nicht. Ich bin zu ernst. Die Zeit ist so fremd geworden. Es sind eben die guten alten Zeiten nicht mehr. … Es grüßt herzlich deine Mutter.“
Alles kann ich nicht entziffern. Aber es hört sich so traurig an. So traurig wie dein Blick auf der anderen Seite..
Ach Oma! Da wusstest du noch nicht, oder vielleicht hast du aber geahnt, dass du deinen Hans und deinen Gerhard verlieren würdest. Zwei Söhne… Verlieren an einen Krieg mit seinem hässlichen, pockenartigen und grausamen Gesicht.
Oma, wie muss das für dich gewesen sein?

© Christine Lodewick


 

Erinnerung an meine Großmutter


Lieschen rennt an mir vorbei, stößt mich fast um.
„Steh nicht im Weg rum,“
Sie holt etwas aus dem kleinen Schränkchen mit dem roten Kreuz drauf, das in der Küche hängt, läuft zurück und presst ein weißes Tuch auf Omas Wange. Dann saust sie zum Telefon. Später kommt der Arzt, Doktor Zucker heißt er, und ich finde ihn nett, weil er immer ein Schokoladenplätzchen für mich hat. Aber heute hat er kein Auge für mich. Der Krankenwagen kommt, zwei Männer legen Oma auf eine Trage und dann bringen sie Oma ins Krankenhaus, wieder einmal.
Mutti weint, als sie abends nach Hause kommt.
Aber nach ein paar Tagen ist alles wieder gut, Oma sitzt wieder in ihrem Schaukelstuhl in der Veranda.
„Komm her,“ lockt sie mich, „du bekommst auch ein Bonbon!“
Aber die harten Brustbonbons können mich nicht locken, denn ich fürchte mich fast ein bisschen vor ihr, ihrem Gesicht, den Händen. Die Haut ist wie Pergament, fast dunkelrot, und ich habe Angst, dass sie wieder aufplatzt und Blut auf die graue Kittelschürze tropft.
Dabei bin doch froh, dass sie wieder zu Hause ist, im Krankenhaus riecht es doch immer so schrecklich.
Hoffentlich wird sie bald ganz gesund, wünsche ich mir.
Aber dann würde sie wie Mutti den ganzen Tag im Laden sein. Es ist ihr Geschäft und manchmal schimpft sie, wenn Mutti erzählt, dass so wenige Leute noch zum Einkaufen kommen, seit an der Ecke ein anderer Händler ein Obst- und Gemüsegeschäft aufgemacht hat. Mit Vati schimpft sie auch, weil er wieder mal beim falschen Großhändler eingekauft hat.
„Du weißt doch, dass der immer schlechte Ware hat.“
Oder wenn das Krankenhaus mal wieder die Rechnung für die Ware nicht bezahlt, weil Oma wieder zur Behandlung da war.

Ihre Krankheit hat sie mürrisch und unzufrieden gemacht, ob sie früher anders war?
Das weiß ich nicht, in meinen fünf Jahren habe ich sie nie anders gesehen.

Was blieb von ihr?
Blutapfelsinen erinnern mich mein Leben lang an ihre durchsichtige Haut.
In einigen meiner Kinder erkenne ich Wesenszüge meiner Großmutter, ihrer Willenskraft, ihrem Optimismus, der ihre frühen Jahre prägten.

© Ruth Wendt, August 2014


 

Meine Oma


Wenn ich mich zurückerinnere, dann schob sie ständig irgendwelche Kartons durch ihre kleine Wohnung, worin sich ihre Heimarbeit befand.
Sie bearbeitete irgendwie Eisenstifte, und ihre Hände waren dadurch so schwarz gefärbt,dass sie sie nicht mehr sauber bekam. Sie sah aus wie ein Bergarbeiter.
Ihre Frisur,eher ein Dutt,trug sie immer gleich, und auch ihre Kleidung sah immer gleich scheußlich grau aus.
Bei jedem Besuch bot sie ihren Eierlikör an,der natürlich selbst gemacht war.
„Du auch?“ Sie schaute mich an. Natürlich ich auch! Ich fühlte mich dann total erwachsen und er schmeckte echt gut.
Papa meinte immer: „Mit Alkohol kannst du hier alles trinken. Anderes ist so alt, wahrscheinlich noch aus Kriegszeiten!“
Ich nippte an meinem halb gefülltes Glas und war glücklich.
Oma hatte so alte Einmachgläser in ihrem Vorrat stehen, sodass man von außen Schwierigkeiten hatte zu erkennen, was denn wohl darin war. Sie hatten alle die gleiche braune Farbe. Die frischen Gläser wurden natürlich für eventuelle magere Zeiten aufgehoben.
Als mir vor einigen Jahren ein Prospekt über eine sogenannte Kaffeefahrt ins Haus flatterte musste ich lachen. Meine Oma hat bei solchen Fahrten immer zugeschlagen. Sie brachte so viele Pakete in ihrer Miniwohnung gar nicht unter und so stapelte sie die auf der Bettseite meines verstorbenen Opas. Wenn man bei ihr zur Toilette ging, musste man durch ihr Schlafzimmer gehen. Ich habe mir dabei immer viel Zeit genommen, denn ich war ja neugierig, was sie wohl wieder für herrlich unnützen Kram gekauft hatte. Alle Sachen, die keiner wirklich brauchte, blieben in ihrer Verpackung, und als wir ihre Wohnung Jahre später auflösten, haben wir kopfschüttelnd und lachend alles irgendwie entsorgt.

© Margit Perdok


 

Hurra, ich werde Großmutter!

Klingelt das Telefon?
Es ist 7.23 Uhr, wer ruft denn um diese Zeit an?
Meine Brille muss ich nicht suchen, die liegt immer griffbereit. Ich setze sie auf und springe aus dem Bett.
Das Display zeigt mir an – es ist mein Sohn. Der weiß doch, dass ich um diese Zeit noch schlafe!
Ist etwas passiert? Mein Herz klopft schneller.
„Moin Tito!“
„Mama, hi ...“ da ruft er schon: „Ich werde Papa! Du wirst Oma!“
Ein eigenes Enkelkind, denke ich. Acht Leihenkel habe ich ja schon – aber ein eigenes?!
Ein leises Kribbeln macht sich in meinem Kopf bemerkbar, und ich spüre, wie mir Tränen der Rührung in die Augen steigen.
„Nicht weinen, Mama – freuen!“
„Natürlich freue ich mich, riesig, natürlich auch für Euch!“
Nachdem er aufgelegt hatte, gingen mir noch zig Gedanken durch den Kopf. Könnten es vielleicht Zwillinge werden? Tina ist ja auch ein Zwilling. Wird es so viele Locken haben wie mein Sohn? Hoffentlich geht alles gut!
Ach, was denke ich denn jetzt schon darüber nach – Abwarten ist angesagt! Meine Schwiegertochter werde ich später anrufen.
Aber so ein Paar kleine Söckchen, die könnte ich doch schon mal kaufen!
Oh je, ist das jetzt schon so typisch Oma?

Egal!

© Karin Niehues


 

Meine Oma

Meine Oma sprach immer plattdeutsch mit mir. Und abends, wenn ich ins Bett musste,
in der „Hühnersprache".
Sie konnte das, und zwar so: „Duhulefu muhustlefust ihinslefet! Behetlefet gehenlefehn!“
Ich war immer ganz beeindruckt.

Himbeeren - Milch

Geruch und Geschmack von Himbeeren erinnern mich sofort an meine Oma. Sie hatte eine lange Hecke mit diesen herrlichen Früchten. Wenn ich in den Ferien bei ihr war, durfte ich so viele essen, wie ich wollte.

Bei Milch war das mit dem Geruch und Geschmack anders. Ich mag bis heute keine Milch, weil ich diesen Geruch von Stall und frischer Milch nicht los werde. Das war nur was für die Katzen meiner Oma.

Meine Oma

Für mich müssen Omas rund sein.
Also, gemütlich, sodass man sich wohlfühlt auf ihrem Schoss.
Meine Oma war so. Klein und rund.
Meine liebste Erinnerung ist das Abendbrot.
Zum Essen saßen wir immer alle zusammen am großen Tisch in der Küche.
Mitten über dem Tisch hing irgendwie bedrohlich ein spiralförmiger Fliegenfänger von der Decke herunter.
Hoffentlich bleiben die Fliegen alle kleben, dachte ich immer.
Wenn mein Opa draußen noch zu tun hatte, stellte sich meine Oma in die Dielentür und rief ziemlich laut: "Heeermann, wi eät watt!"
Wenn dann alle da waren und zu essen anfingen, hätte ich oftmals am liebsten laut gelacht, weil ich dieses Geklapper mit dem Besteck und die Ruhe, die dann herrschte, zu lustig fand. Aber lachen beim Essen, das durfte ich nicht.
Aber dann, nach dem Essen - es gab meistens Bratkartoffeln - kam der Moment, auf den ich mich schon immer freute.
Ich durfte meinen Kopf bei meiner Oma auf den Schoss legen, sobald ich satt war!
Ich hörte dann gern den Gesprächen der Erwachsenen zu. Natürlich in Plattdeutsch. Und dann wurde auch viel gelacht. Endlich!
Jedes Mal rutschte nach einiger Zeit mein Kopf langsam vom Schoss runter. Meine Oma hielt ihn aber immer wieder fest.
Nützte aber nichts, weil meine Oma ja klein und rund war.
Eben meine Oma
 

© Karin Niehues


 

Aaliya und ich


„Karin, komm auch auf die Schaukel!"
„Ich?" Mir ist als Kind immer schlecht geworden.
Na, ja, mach ich. Also, auf geht‘s . Es dauert nicht lange und dieses komische Gefühl
im Magen ist wieder da!
Wusst ich es doch. Mir wird tatsächlich auch heute noch übel.
Aber egal. Macht ja auch irgendwie Spaß, neben der 4jährigen Aaliya um die Wette
zu schaukeln.
Auf dem Nachhauseweg sehen wir eine kleine Raupe. Wir bleiben stehen und schauen sie uns genau an. Wie sie sich bewegt! Wir gehen in die Hocke, um die kleinen Härchen
besser zu sehen.
Als Kind bin ich laut schreiend vor so einer Raupe stehen geblieben. Meine Mutter musste mich an der Treppe abholen. Ich ging keinen Schritt weiter.
Aaliya aber habe ich gezeigt, dass wir die Raupe auch auf unserem Finger laufen lassen können. Wir fanden es beide ganz toll.
Zu Hause konnten wir dann ganz stolz von unserem Mut erzählen - Aaliya und ich.

© Karin Niehues


 

Warten auf das Enkelkind


Du da in Mamas Bauch, eben habe ich dich strampeln gefühlt. Wer bist du? Wie bist? Wann endlich erde ich dich im Arm halten können? Ein ganz neuer Mensch wirst du sein – unglaublich! Wem wirst du ähnlich sehen? Was wirst du können, wenn du groß bist? Was wirst du wohl einmal werden? Wie wirst du aussehen, wenn du in die Schule kommst, das Abitur machst? Vielleicht wirst du ja auch ein Handwerker? Wie wird es sein, wenn ich dich zum ersten Mal anfassen kann? So viele Fragen!
Ich freue mich auf dich – weißt du das?
Natürlich weißt du das nicht, aber wenn du erst da bist, dann werde ich es dir sagen.
Mit deiner Mama war ich oft ungeduldig, wie gehe ich mit dir um?
Sie verraten mir nicht, ob du ein Junge oder ein Mädchen bist. Ich selbst wollte früher immer Jungen haben, weil „man“ – wer ist schon „man“? – sagt, Jungen hängen mehr an der Mutter als am Vater, und da war ich ganz egoistisch.
Egal, ich muss jetzt einfach warten. Vielleicht versprechen Papa und Mama sich ja, ich werde große Ohren machen.
Wie gut, dass ich nicht mehr arbeiten gehe, da werde ich viel Zeit für dich haben! Hoffentlich gibt Mama dich mir auch. Also ich habe meine Kinder nie gerne weggegeben, ich hatte immer Angst, sie werden nicht richtig versorgt.
‚Also, wenn ich Mamas Bauch ansehe, dann purzeln die Gedanken nur so durcheinander,
...ob ...wenn ...aber ...vielleicht ...vielleicht nicht...hoffentlich ...

Dienstag, 15.45 Uhr, das Telefon schellt. Papa ist am Apparat. „WIR haben es geschafft! Hannah ist da!“

© Jutta Ulrich


 

Enkel verändern das Leben

 
Mein Mann staunt, als ich mit den vielen Tüten beladen nach Hause komme.
„Was hast du denn alles eingekauft?“
Ich packe aus: Ein Bilderbuch, Knetmasse, einen Ball, Schokolade, ein rosa Nachthemd, Kinderseife und...und...und!
Seine Augen werden immer größer. „Und was soll das?“
„Hannah kommt doch nächste Woche zu Besuch, da muss doch alles da sein!“ Hannah ist unser Enkelkind, fünf Jahre alt.
Kritisch betrachtet er jedes einzelne Teil, das ich auf dem Tisch ausgebreitet habe. Er nimmt das Bilderbuch in die Hand, dreht und wendet es, schaut mich stirnrunzelnd an.
„Du weißt schon, dass wir von unseren Kindern noch viele Bilderbücher im Regal stehen haben?“
„Ach, die alten Bücher, die haben doch alle schon Eselsohren!“
„Dieses neue hier wird auch bald Eselsohren haben!“
„Na und?“
Seufzend legt er es aus der Hand.
„Was ist denn das hier? Knetmasse? Du kaufst Knetmasse? Hast du vergessen, wie du dich bei unseren immer aufgeregt hast, wenn die Knetekrümel im Kinderzimmerteppich festgetreten waren?“
Ich will etwas erwidern, halte aber einen Augenblick inne. Da liegt auch die Schokolade. Unsere bekamen die Rationen zugeteilt – und jetzt? Nein, beschließe ich, das mache ich bei Hannah anders. Bei unseren Töchtern war ich so streng, weil ich es selbst so erlebt habe. Nach dem Krieg wohnten wir alle zusammen, die ganze Familie in zwei Zimmern. Meine Großmutter war die Herrin über das Süßigkeitenglas. Besonders hart war es in der Fastenzeit, da durfte ich nur am Sonntag mir zwei Bonbons aus dem Glas nehmen. Was war die Folge? Noch heute – selbst schon Großmutter – kann ich nichts Süßem widerstehen. Solche Rationierung ist nicht gut. Warum habe ich das bei meinen Töchtern nicht schon eingesehen? Also jedenfalls bei meinen Enkelkindern mache ich das anders!
Und meine Tochter – die Hannah Mama – was wird die dazu sagen?
Aber, denke ich dann, ein Kind kann lernen, dass s bei unterschiedlichen Menschen auch unterschiedliche Regeln gibt.

Wieso sagt mein Mann eigentlich nichts mehr? Eben war er doch noch so kritisch?
Es knistert – nein, das glaube ich jetzt nicht, er nascht von der Kinderschokolade!

© Jutta Ulrich


 

Der ganz normale Wahnsinn

Opa hat Geburtstag. Zur Feier des Tages ist Mama mit beiden Enkelkindern gekommen: Hannah, 5 ½ Jahre und Jonah 10 Monate alt.
Geburtstage sind toll – besonders für Kinder! Weil es ein besonderer Tag ist, egal für wen, wird auch ein besonderes Programm gemacht. Für den Geburtstagsopa bleibt sein gewünschtes Geburtstagsessen: Kartoffelsalat und Frikadellen.
Jonah’s Zeit für den Abendbrei ist noch nicht gekommen, er sitzt zwar mit am Tisch, muss aber noch warten. „Unverschämt, alle essen – nur ich nicht!“ Jonah schreit. Mama erklärt, wird nicht verstanden (natürlich nicht), Jonah meckert weiter.
„Hannah stochere nicht so in dem Kartoffelsalat herum und nimm die Ellenbogen vom Tisch!“
Gemaule, langes Gesicht.
Jonah schreit. Es ist ihm völlig egal, ob es für seinen Brei noch eine Stunde zu früh ist oder nicht. Er will essen – JETZT!
Oma erbarmt sich, schließlich soll Mama auch in Ruhe essen können.
Brei gerührt, Jonah gefüttert.
Das geht schnell, mmh, lecker, mit Obst darunter! In fünf Minuten ist die Schale leer geputzt. Aufatmen, jetzt kann Oma auch essen.
„Hannah, nimm den Ellenbogen vom Tisch! Wie oft muss ich Dir das noch sagen?“
Unverschämt, die anderen essen immer noch, nur Jonah hat nichts mehr – neues Geschrei.
„Hannah, wenn ich noch einmal den Ellenbogen auf dem Tisch sehe, gibt es keinen Nachtisch!“
Jonah schreit immer noch. Oma schiebt geduldig ihren Teller nach hinten, nimmt den kleinen quälgeistigen Enkel auf den Schoß und drückt ihm eine Brotkruste in die Hand. Die ist spannend, wird von allen Seiten beguckt, beleckt, angekaut – Ruhe!
„Schluss jetzt, Hannah! Schon wieder die Ellenbogen – Nachtisch gestrichen!“ Hannah schreit: „Das ist gemein!Nie kriege ich Nachtisch!“ Die Gabel fliegt auf den Teller, die Frikadellenstücke landen auf dem Tisch.
Jonah hustet, er hat sich verschluckt, läuft rot an, spuckt ein Stück Brotkruste aus.
„Hannah hör auf zu heulen, sonst gehst du in ein anderes Zimmer!“
„Ich komm nie mehr hierher! Nie kriege ich hier Nachtisch!“
Jonah hustet und würgt und spuckt die Hälfte des leckeren Breis auf Mamas Hand, auf den Tisch, auf den Fußboden, auf Oma und auf sich selbst.
Schnell, Papier!
Hannah heult immer noch.
Mama putzt. Jonah bekommt die vollgespuckten Sachen ausgezogen, auch der Body hat einen großen Spuckefleck, bleibt aber jetzt an.
Hannah ist endlich still, Mama putzt immer noch. Jonah ist erleichtert, kräht vergnügt und klopft auf den Tisch.
Und der Opa?
Unser Opa der blickt stumm
auf dem ganzen Tisch herum,
isst voll Genuss
ohne Verdruss
aus Kartoffeln den Salat,
hat die Frikadellen parat
und ist sehr zufrieden
im Kreis seiner Lieben!
Oma nimmt den kleinen Hemdenmatz, verschwindet damit im Arbeitszimmer, schließt die Tür hinter sich und ein friedliches Kind mit nackten Armen und Beinen und einem vollgespuckten Body schaut mit Oma aus dem Fenster und erzählt, was es sieht – natürlich in Babysprache.
Nach einer Weile geht leise die Tür auf und Hannah kommt herein.
„Oma bekommst du auch keinen Nachtisch!“
„Nein, mein Hasenkind, ich bekomme auch keinen Nachtisch.“
„Ist nicht so schlimm Oma, soll ich dir was vorlesen?“
„Ja, mach das, da freue ich mich.“
In der Essecke freuen sich Vater und Tochter, genießen in Ruhe den Kartoffelsalat und die Frikadellen und haben den ganz normalen Wahnsinn längst abgehakt.

© Jutta Ulrich


 

Ein „olles“ Papier

Hannah, fünf Jahre alt, hat in diversen Kinderportemonnaies das Kleingeld gesammelt, das ihr nette Leute geschenkt haben. Auch die Kasse ihres Kaufladens ist gut gefüllt. Dass sich Spielgeld mit eingeschlichen hat, ist für Hannah ohne Bedeutung.
Die ordentlichen Eltern, die mit dem Satz groß geworden sind: „Geld ist nicht zum Spielen da,“ beschließen, die „Spreu vom Weizen“ zu trennen, das Kleingeld in einen Schein umzutauschen und damit Fiffi zu füttern (Fiffi = eine Spardose in Form eines Hundes.) Hannah betrachtet skeptisch Papas Aktion, die „Taler“ zu ordnen und dann zu zählen – was letztlich 20 Euro ergibt. Fiffi freut sich, Papa und Mama sind zufrieden, nur Hannah nörgelt noch den ganzen Tag und auf die Frage, warum sie denn so unzufrieden sei, kommt die Antwort: „Der Papa, der hat Glück. Der hat jetzt das ganze Geld und ich habe nur das olle Stück Papier!“

© Jutta Ulrich


 

Warten

 

Warten
Bangen
Hoffen

Es wird schon gut gehen
sagt der Verstand

aber es dauert schon so lange
flüstert die Sorge

das Warten fällt so schwer
nörgelt die Ungeduld

es ist gut gegangen
seufzt die Erleichterung

ein kleiner Mensch ist geboren
weiß der Kopf

ein Wunder ist geschehen
klopft das Herz

kannst du glauben, was du siehst?
meldet sich der Unglaube

ist das wirklich wahr?
fragt der Zweifel

es ist wahr
antwortet das Staunen

du hast eine neue Aufgabe
mahnt die Verantwortung

du wirst sie meistern
versichert die Fürsorge

bestimmt, denn es ist Glück
beteuert die Liebe

ganz sicher, denn es ist Liebe
frohlockt das Glück

sie ist, was sie ist
lächelt der Schutzengel

sie ist Hannah!


© Jutta Ulrich,
nach Erich Fried „Was es ist“.



 

immerzu                                                     Elfchen sind kleine Gedichte, die aus
der Gedanke                                              elf Worten bestehen:
wie wird er                                                  Zeile 1 = ein Wort
mein wunderbarer 60. Geburtstag           Zeile 2 = zwei Worte
unvergesslich                                            Zeile 3 = drei Worte
                                                                   Zeile 4 = vier Worte
Bernhard                                                    Zeile 5 = ein Wort
du mein
großes Glück jetzt,
ich habe es verdient
ja!

© Christiane Demtröder-Rählmann


 

Erinnerungen an Oma

Vertrieben
Im Krieg.
Suche nach Bleibe.
Angekommen in der Fremde –
Heimatlos!

Alt,
erstarrter Blick.
Die Erinnerung verloren -
Eine eigene kleine Welt –
Hoffnung.

Aufgewachsen
Unter Brüdern.
Behütet, verwöhnt, vergöttert.
Dann kam der Krieg.
Grausamkeit.

© Christine Lodewick


 

Gasflamme
altmodischer Herd
gußeiserne Pfanne drauf.
Beste Bratkartoffeln der Welt.
Oma!

Fernsehen
Zwei Programme
mit offenem Mund
staunend über die Mondlandung.
Kindheitserinnerung

Zeit
und Pflaster
für die Seele.
Ruhender Pol im Weltensturm
Großeltern


Ein
Geschenk erhalten.
Bereicherung erfahren dürfen.
Erinnerungen weiter geben können.
Enkelkind

Ich
wurde beschenkt.
Mit einem Schatz
an Erinnerung und Zukunft
Enkelkind

Geschenk
Leben schenken
Erinnerung und Zukunft
Danke für neue Freude!
Glück

© Gisela Marzin, August 2014


 

Oma
ist da
sie hat Zeit
sie spielt mit mir
Enkel

Aufregung
langes Warten
mein Herz klopft
ständiger blick zur Uhr
Enkel

Alter
ist was
Falten und Wissen
auf jeden Fall schön
Oma

© Margit Perdok


 

Schummerstunde
der Schaukelstuhl
schwingt im Raum.
Wie eine leise Melodie
Erinnerung


Großmutter
alt geworden
Haut wie Pergament
die runzligen Hände gefaltet
schläfrig

© Ruth Wendt


 

Oma,
und,klein
grauer, dicker Knoten,
backt für mich Berliner,
Gemütlichkeit.


Himbeeren,
lange Hecke,
ich darf naschen,
heute im Glas gekauft,
Erinnerung.


Kind,
lange her,
die große Freiheit,
zu Hause nicht mehr,
Ruhrgebiet.


Uroma,
Oma, Tanten,
dazu meine Mutter,
altes Fachwerkhaus unter Eichen,
Sehnsucht.

© Karin Niehues


 

Haiku

Das Haiku ist ein traditionelles, japanisches Gedicht.
Es besteht aus drei Wortgruppen, wobei die erste Wortgruppe fünf sog. Moren enthält, die zweite sieben, die dritte wiederum fünf.
Eine More wird bei uns gleich gesetzt mit einer Silbe.
Das klassische Haiku gibt immer ein Blitzlicht auf die Natur wieder.



ganz früh am Morgen
unentwegte Unruhe
bald ist der Tag da

Marc ist mein Enkel
er schaut aus wie sein Vater
Erinnerung kommt

© Christiane Demtröder-Rählmann


 

Familienschatz
Erinnerungen bewahren
ein Seelenwärmer

Generationen
wir wissen viel zu wenig
lasst uns austauschen

© Gisela Marzin, August 2014



 

Ich suche den Sinn                               Das Schreiben von Haiku und Elfchen kann
begebe mich in Stille                             süchtig machen. So sind auch diese kleinen
dahinter ist er                                         Gedichte zu anderen Themen entstanden.

Da sind die Schatten
doch an der Wand sind Bilder
Schattenbilderwand

Weisst-du-noch-freundin
wie schön dich noch zu haben
Dankbarkeit in mir

Urlaub auf dem Boot
die Entschleunigung fährt mit
da kann ich ich sein

War es erst gestern
Bilder der Vergangenheit
morgen schon Zukunft

Spaziergang am Rhein
mit allen Sinnen dabei
Wohlfühlnachmittag

Westruper Heide
von den Augen zur Seele
Wacholderbeerbaum

Sand in den Schuhen
Bienengesumm in der Luft
nur Natur und ich

Stau auf der A 3
was könnt ich mich aufregen
singe lieber ein Lied

Sommer in der Stadt
das Gehetze macht nicht Halt
wie gut schmeckt mein Eis

Ich erlaube es mir
muss ich dies noch oder das
einfach mal nichts tun

Pferd vor dem Wagen
Duft von Heu in der Nase
Wolken zieh'n vorbei

Sommerregen fällt
Papierschiffchen fahren fort
Die Welt kann schön sein

Bücher um mich rum
abgelenkt vom Fernseher
abschalten verpasst

Noch ein Sommertag
kurz nur ein Wolkenengel
fühle mich umarmt

© Karin Niehues


 

Dein Lachen hören
ein Lächeln erscheint bei mir
Milan, mein Enkel
 

Die Erinnerung,
die aus alten Zeiten kommt,
sie lässt mich schmunzeln
 

© Margit Perdok


 

Erinnerungen
Oma kocht Himbeerpudding
süße Verführung.

Erinnerungen
Verstaubt steht in der Ecke,
Oma 's Schaukelstuhl.

Grau ist schon ihr Haar,
die Haut dünn wie Pergament,
fast zahnlos der Mund.

Die Augen lächeln,
die Hände ruhen im Schoß.
Lautloses Schwingen.

Noch immer ist mir,
als schwebe im Raum ganz sacht
der Lavendelduft.

© Ruth Wendt
 


 

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